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Presseveröffentlichungen

Ärzte und Ingenieure - Ein gesundes Team

Ohne Zweifel ist Mathias Kull (38) häufig für ein approbiertes Mitglied eines Chirurgenteams gehalten worden. Im grünen Umhang, mit Haube, Mundschutz und hauchdünnen Handschuhen stand der Mediziningenieur häufig neben dem Operateur und verfolgte z. B. einen kardiologischen Eingriff. Keine große Sache, Tagesgeschäft in der Chirurgie: Ein aus dem Takt geratenes Herz, so hat er es häufig erlebt, soll mithilfe eines Defibrillators synchronisiert werden. Das ist der Job der Ärzte. Kull war stets als Qualitätssicherer des Herstellers dabei. Er stand bei einer "Defi"-Implantierung mit einem Koffer voller Elektronik parat und beriet den operierenden Kardiologen bei der Implantierung des bioelektronischen Teils. Das kaum fingernagelgroße Bauteil gibt in gleichmäßiger Folge leichte Stromstöße ab, auf deren Signal hin der erschlaffte Herzmuskel rhythmisch pulsiert. Meist musste Kull noch etwas nachjustieren, bevor die Anzeige auf dem Monitor den Patienten und das OP-Team erleichtert aufatmen lässt.

Leider hat Mathias Kull im Augenblick ein Problem, weil sein amerikanischer Arbeitgeber übernommen wurde. Dabei verlor der Diplomingenieur für Medizintechnik seinen Job, in dem er sechs Jahre lang bis zum späten Nachmittag nie wusste, in welchem Krankenhaus er am nächsten Tag antreten musste. Operationspläne werden langfristig geplant und kurzfristig umgeworfen. "Man muss schon extrem beweglich sein", sagt der Hamburger. Für eine neue Stelle würde er auch ins Ausland gehen. Vielleicht ist das aber gar nicht nötig; könnte ja sein, dass aus einem seiner letzten Vorstellungsgespräche doch noch ein Vertrag herausspringt. "Allmählich werde ich ein bisschen nervös", gibt Kull zu, obwohl der Arbeitsmarkt für Mediziningenieure eigentlich sehr gut aussieht. Das liest er aus den Stellenanzeigen, und auch die Personalberater machen ihm Hoffnung.

Denn die Gesundheitswirtschaft mit rund 4,5 Mio. Beschäftigten ist mittlerweile eine der wachstumsstärksten Branchen in Deutschland. Neben dem ansteigenden Bedarf an Gesundheitsleistungen aufgrund der demographischen Entwicklung haben sich Wellness, gesundheitliche Prävention und ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein in den letzten Jahren zu gesellschaftlichen Trends entwickelt.

Davon profitieren nicht nur die Biotechnologie und die Pharmaindustrie, sondern auch die Medizintechnik. Deren Anteil an der gesamten industriellen Produktion liegt in Deutschland mit 1,5 % ziemlich genau zwischen den USA (2 % ) und Japan (1 %). Doch mit einem jährlichen Wachstum von rund 8 % prosperiert die Branche hierzulande deutlich stärker als der Rest des verarbeitenden Gewerbes. Der Export boomt: Weit mehr als die Hälfte der medizintechnischen Erzeugnisse geht ins Ausland. Geradezu sprunghaft entwickeln sich die Bereiche Implantate und Prothesen sowie Röntgen und Strahlentherapiegeräte.

An der Fachhochschule Gießen-Friedberg werden in den medizinischen Studiengängen jedes Jahr rund 60 Studienanfänger zugelassen, es bewerben sich rund zehnmal so viele. Etwa 60 fertige Informatiker und Ingenieure verlassen die FH auch wieder. "Für sie gibt es nicht die Masse an Stellen, aber jeder findet einen Job", versichert Prof. Dr. Martin Fiebich, Leiter des Studienganges Medizintechnik. Die Medizin-Informatiker kommen in Softwarehäusern oder den IT-Abteilungen der Krankenhäuser und Kliniken unter. "Von den Medizintechnikern gehen rund 50 % in den Vertrieb", sagt Fiebich, "die Entwicklung vollzieht sich rasend schnell. Jedes zweite Produkt ist nicht älter als zwei Jahre. Dafür braucht die Industrie frisch ausgebildete Leute, und die bezahlt sie auch sehr gut."

Wer nicht verkaufen mag, findet bei den Herstellern von Implantaten und Prothetik einen Job in der Entwicklung oder im Produktmanagement. Die Industrie lässt sich die interne Weiterbildung viel kosten. Die Folge: Nach zwei Jahren ist kein Medizintechniker mehr Allrounder, sondern Experte für künstliche Hüftgelenke, Herzschrittmacher oder die Prothetik des Handgelenks. Fiebich: "Die Medizintechnik ist ein so unglaublich breites Feld, dass eine Spezialisierung zwingend geboten ist."

Den Haken daran erkennen viele erst später. Bei einem Studium Maschinenbau mit späterer Spezialisierung auf die Medizintechnik bspw. im Rahmen einer Promotion ist man für die einen stest als Maschinenbau - Konstrukteur und für die anderen als Knochenschrauber festgelegt.

Trotz der guten Startchancen studiert deshalb jeder zehnte FH-Absolvent nach dem Examen weiter. Das zeugt von Weitblick. "Wer bei einem Hersteller Karriere machen will, braucht ergänzend zum Ingenieurwissen betriebswirtschaftliches Know-how", versichert Lutz-Martin Busch von der Bad Nauheimer HiTec Consulting. Die Personalberatung hat sich auf die Vermittlung von Top-Führungskräften in der Gesundheitswirtschaft spezialisiert. "Hier gibt es immer noch erheblich mehr Betriebswirte als Ingenieure", sagt Busch, "aber die auf Gesundheitstechnik zugeschnittenen Studiengänge sind ja noch jung. Und wenn sich die Ingenieure im Laufe ihres Studiums oder im Anschluss daran noch eine gute Portion BWL-Wissen besorgen - sei es über Praktika oder ein wirtschaftswissenschaftliches Aufbaustudium -, dann werden wir in Zukunft sicher mehr Techniker in den Vorständen und Geschäftsleitungen sehen."

Der mittelständischen strukturierten Medizintechnik in Deutschland ist der Binnenmarkt viel zu klein. Da sich eine aufwändige Produktneuentwicklung erst lohnt, wenn sie möglichst auf der ganzen Welt vermarktet werden kann, brauchen die Hersteller Ingenieure, die sich mit den unterschiedlichen Zulassungsbedingungen auf den nationalen Märkten auskennen. Denn nicht nur Medikamente, sondern auch Implantate, Prothesen, elektronische Bauteile und neue Herstellungsverfahren bedürfen der Genehmigung durch die staatlichen Behörden, bevor sie in Kliniken eingesetzt werden dürfen. Gutes Englisch und internationale Fachkontakte sind also unerlässlich.

Weltweit gibt es nur wenige, mehrheitlich amerikanische, global agierende Hersteller mit einem breiten Produktspektrum von meist sehr forschungsaufwendigen Gütern. In Deutschland zählen u. a. Siemens, Philips, Fresenius, Braun Melsungen und Dräger dazu. Auf die wenigen Großen entfallen mehr als 80 % des Branchenumsatzes.

Die eher kleinen Firmen bedienen vielfach regionale Märkte oder besetzen mit ihren Spezialprodukten enge Nischen. Mit im Schnitt kaum mehr als 80 Beschäftigten pro Betrieb ist die Medizintechnik sehr stark klein- und mittelständisch organisiert. Die glänzenden Aussichten lassen Neugründungen aus dem Boden sprießen. Jedes zehnte Start-up kreist inzwischen um die Gesundheitsindustrie. In vielen kooperieren Ingenieure mit Biopharmakologen, denn Technik und Biologie kommen sich immer näher.

Krankenhäuser und Arztpraxen strotzen vor Technik. Deswegen sind Ingenieure nicht weit. Der Boom in der Gesundheitsbranche hat inzwischen verstärkt zur Einrichtung von Studiengängen geführt, die Medizintechniker oder -informatiker ausbilden. Sie entwickeln sich in ihrem Berufsleben schnell zu Spezialisten.

(VDI Nachrichten, 21. September 2007)

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